Psychoanalyse

Manchmal habe ich den Eindruck, die Psychoanalyse hat in den Augen vieler Menschen etwas von einem großen überalterten Schlachtschiff, das aus der Mode gekommen ist.

 

Psychoanalyse besteht nur aus Sex, Trieben und anstrengender langwieriger Therapie?

Die Psychoanalyse hat zu vielen Vorurteilen geführt. Landläufig wird vermutet, dass man in den tiefsten Tiefen wühlt und das anstrengend und mit schlechten Gefühlen verbunden ist.

Und dass es viel um Sex im Sinne von Sigmund Freud geht. Alles drehe sich um Sex.

Abgesehen davon, dass Freud in vielerlei Hinsicht schon missverstanden wurde, so haben wir es ihm zu verdanken, dass die Idee eines Unbewussten mittlerweile völlig selbstverständlich im allgemeinen Volksbewusstsein vorhanden ist – ebenso wie das Phänomen der Verdrängung. Jeder spricht davon, was er alles verdrängt – ohne überhaupt genau zu verstehen, was Verdrängung im psychoanalytischen Sinne eigentlich bedeutet.

Die Idee des Unbewussten und Triebhaften – oder besser ausgedrückt, des bedürfnisorientierten Teils in uns – war etwas neues und revolutionierendes und damit auch befreiendes in der Zeit der Aufklärung, die davon ausging, dass der Mensch vernunftgesteuert und ausschließlich rational denkend sei. Zu dieser Zeit glaubte man noch an Simulation, wenn Menschen mit psychischen Störungen ohne organische Schäden kamen.

 

Moderne Psychoanalyse

Die heutige Psychoanalyse hat ein besonderes Augenmerk darauf, dass wir das Ergebnis unserer Beziehungserfahrungen und unserer Bedürfnisse sind, und dass wir in unserem Leben immer wieder Wege finden müssen, mit Ambivalenzen und widerstreitenden Strebungen in uns umzugehen. Natürlich wird unser Denken und die Wahrnehmung der Welt, in der wir leben, von dem, was unseren frühen Bezugspersonen uns vorgelebt und beigebracht haben, geprägt! (Doch diese heute allgemein angenommene Sichtweise gab es vor Freud so noch nicht.)

Und gleichzeitig kann das genauere Anschauen dieser Beziehungserfahrungen auch den Blick darauf eröffnen, dass wir darüber hinaus noch so viel mehr sind – weil wir uns auf dieser Basis viele weitere Fähigkeiten im Umgang mit Schwierigkeiten angeeignet haben.

 

Psychoanalyse auf der Couch

Freud brachte uns die Technik der freien Assoziation, d.h. er wusste schon, was heute hirnphysiologisch nachgewiesen ist: dass unser Erleben und unsere Erinnerungen in Netzwerken organisiert und assoziativ miteinander verknüpft sind. Er fand heraus, dass man diesen Verknüpfungen am ehesten auf die Spur kommt, wenn man sich in einen Trance-artigen Zustand versetzt und frei seinen Tagträumen und Gedanken nachhängt. Er lernte zunächst Hypnose, entwickelte dann jedoch daraus diese Wach-Technik, in der man ohne Manipulation von außen (anders als in der damaligen Hypnose) ganz seinen Gedanken und Träumen nachgehen kann.

In der Therapie ist freie Assoziation ein Vorgehen, in dem man sich entspannt – gleichgültig ob sitzend oder liegend – und sich erlaubt, einfach mal seinen Gedanken laut nachzuhängen, ohne sie sich gleich selber zu verbieten. Letztlich hat es viele Überschneidungen mit der modernen Hypnotherapie.

Ich nutze vor allem das psychoanalytische Gedankenmodell, um mich in die Welt meiner Klienten einfühlen und ihre Erfahrungen mitdenken zu können, allerdings immer gepaart mit dem lösungsfokussierten hypnosystemischen und narrativen Blick auf Fähigkeiten und Ressourcen, die man sich für ein gutes Leben zunutzemachen kann.

 

Eine der Weiterentwicklungen der Psychoanalyse, mit der ich in meiner Praxis arbeite

Helen und John Watkins haben – von der Psychoanalyse und der Hypnotherapie kommend – in den 1970er Jahren die Arbeit mit verdeckten Persönlichkeitsanteilen entwickelt. Sie nannten sie Hypnoanalyse. Später entstand daraus die Theorie der Ego-States, die mehr oder weniger stark voneinander getrennt sind, und die sog. Ego-State-Therapie.

Dadurch wurde von ihnen ein Konzept vorgelegt, das von Nachfolgern noch weiterentwickelt wurde, mit dem man hypnotherapeutische und psychoanalytische Ansätze sehr wirkungsvoll miteinander verbinden kann.

 

Schon Freud ging davon aus, dass die Psyche aus mehreren Teile besteht (Es, Ich, Über-Ich).

Doch Watkins & Watkins nahmen an, dass es noch viel mehr Ego-States gebe.

Und jeder von uns kennt das: Man fühlt sich manchmal zerrissen im Inneren, als würden verschiedene Wünsche und Strebungen miteinander im Streit liegen und könnten sich nicht einigen. Man will vielleicht abnehmen, doch irgendetwas, das scheinbar etwas anderes möchte, treibt einen immer wieder an den Kühlschrank.

Cronauer, Fritzsche, Leutner u.a. beschreiben die Ego-States (= Ich-Zustände) so: „Jeder dieser Ich-Zustände hat eine ihm eigene Selbst- und Weltsicht und ist Ausdruck einer bestimmten Beziehungs- und Entwicklungserfahrung.“ Sie zeigen unterschiedliche Wahrnehmungsmuster und Ausdrucksmuster und verhalten sich unterschiedlich im Umgang mit anderen Menschen.

Das zeigt sich z.B. darin, dass man sich in bestimmten Kontexten sehr selbstbewusst verhalten und geben kann und in anderen dagegen völlig kleinlaut und unsicher wird – etwas, das man in der Regel selber überhaupt nicht verstehen kann.

Die Ego-State-Therapie zielt darauf ab, diese innere Zerrissenheit und die einzelnen Ich -Zustände dahinter zu ergründen und eine positive Entwicklung zu förden, d.h. sozusagen einen partnerschaftlichen wertschätzenden Umgang mit und unter ihnen herzustellen. Das führt zu einem Erleben von Selbstwirksamkeit und heraus aus der erlebten Hilflosigkeit.

So wird der Blick in vergangene Erfahrungen – anders als in der Verhaltenstherapie – genutzt, aber nicht, um unnötig lange darin zu wühlen, sondern um damit eine stärkende Erfahrung zu machen.